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Frauen & Gründung: Interview mit Frederike Voss von orbyd

Im Rahmen meiner Bachelorarbeit „Der Wandel des Frauenanteils in Deutschlands Gründerszene“ habe ich mich Anfang des Jahres intensiv mit dem Thema „Frauen & Gründung“ beschäftigt. Ich habe festgestellt, dass die Anzahl der weiblichen Gründern erschreckend niedrig ist und wollte die Hintergründe und Ursachen für diesen Status Quo herausfinden.

Meine Erkenntnisse, die ich im Gespräch mit zahlreichen Gründern und Investoren gesammelt habe, möchte ich gerne mit euch teilen. Den Anfang macht heute Frederike Voss, CEO und Co-Founder von orbyd.

 

Wie ist dein bisheriger Werdegang und was genau ist deine Funktion bei orbyd?

Ich bin CEO und Co-Founder von orbyd. Zusammen mit Sebastian Sachs und Robert Scharni habe ich orbyd im März 2015 gegründet.
Davor war ich mehrere Jahre in Management-Positionen für Yahoo!, AOL und Microsoft beschäftigt. Vor einigen Jahren habe ich mich vom klassischen Mediengeschäft hin zu Onlinewerbe-Technologien umorientiert. Zunächst bin ich in ein Start-Up namens wunderloop eingestiegen, welches Data Management Technologien für Medienhäuser entwickelt hat. Nach der Übernahme des amerikanischen Anbieters AudienceScience habe ich noch einige Jahre die Integration der Produkte und Teams voran getrieben. Anschließend war ich als Country Manager Central Europe für den Aufbau der Geschäftstätigkeiten von AppNexus, einem Technologie-Anbieter im Bereich Programmatic Advertising tätig. Hier habe ich gemerkt, dass wir im deutschsprachigen Markt andere Herangehensweisen und Herausforderungen an Technologien im Online Marketing haben. Diese Erkenntnis war die Geburtsstunde von orbyd.
Heute bieten wir mit einem 15-köpfigen Team Produkte und Dienstleistungen an, um Technologien für den automatisierten Mediahandel für Verlagshäuser und Vermarkter einfacher zu gestalten.

 

Seit wann beschäftigst du dich mit den Themen „Gründung“ und „Gründerinnen“? Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?

Ich hatte schon sehr lange das Gefühl, dass ich in die Selbstständigkeit gehen sollte. In den letzten 5 Jahren ganz besonders. Für mich ist es ein wichtiger Motivationsfaktor, Entscheidungen eigenständig zu treffen und die Ausrichtung eines Unternehmens aktiv mitgestalten zu können. 2015 bin ich dann den Schritt in die Selbständigkeit gegangen und habe es nicht bereut. Ganz im Gegenteil.

 

„Volles Risiko – alles oder nichts.“

 

Laut dem Deutschen Startup Monitor 2015 liegt der Frauenanteil in der Gründerszene bei 13 %. Hast du eine Vermutung, warum der Frauenanteil so gering ist?

In der AdTech-Bereich ist es sogar noch dramatischer. Hier beträgt der Anteil nur geschätzte 1 -3 %. Leider.
Zum einen haben viele Frauen Respekt vor Ad-Tech und Technologie-Themen, weil sie sich tendenziell eher in klassischen Jobs im Bereich Marketing, Vertrieb oder PR sehen. Das ist schade. Daher motiviere ich Frauen explizit, die typischen Berufsfelder zu überdenken und sich bewusst an neuen Marktfeldern und Jobs zu orientieren.
Zudem würde ich es sehr begrüßen, mehr Gründerinnen zu sehen. Ich denke der Grund, warum Frauen weniger gründen ist, dass das typische soziale Sicherheitsnetz erst einmal weg fällt. Festes Gehalt, geordnete Strukturen und genau definierte Verantwortungsbereiche. Das hat man in einem Startup nicht und schon gar nicht in den ersten sechs bis zwölf Monate der Gründungsphase. Volles Risiko – alles oder nichts. Man ist für alles zuständig und weiß am Ende des Tages nicht, ob man das Unternehmen und sich selber finanzieren kann. Ich glaube aber, dass sich das Gründertum und die Selbständigkeit sehr gut für Frauen eignen. Als Gründerin kann man Prioritäten, Aufgabenbereiche und Zeitmanagement selbst gestalten, sich seine Freiräume schaffen und unabhängig agieren.

 

Hast du schon Erfahrungen damit gemacht, dass Frauen in bestimmten beruflichen Situationen anders behandelt werden als Männer?

Nein. Ich weiß, das ist eine aktuelle Diskussion, aber ich hatte weder in meiner beruflichen Vergangenheit noch aktuell als CEO und Mitgründerin eines AdTech-Unternehmens Probleme anders behandelt zu werden als meine männlichen Kollegen. Ich stelle mir auch selber die Frage gar nicht.
Je weniger Gedanken man sich darüber macht und sich natürlich in männerdominierten Branchen und Industriezweigen etabliert, desto so schneller wird man von männlichen Kollegen akzeptiert. Man muss selbstverständlich fachlich immer brillant überzeugen, das ist klar. Aber ich habe nie die Erfahrung gemacht, dass Frauen benachteiligt werden, oder besondere Vorzüge haben.

 

Also bist du der Meinung, dass Frauen sich öfter selber aufgrund von möglichen Klischeedenken und Vorurteilen im Weg stehen und sich dadurch schlechter vermarkten und sich selber weniger zutrauen?

Viele Frauen trauen sich im direkten Vergleich leider weniger zu als Männer. Ich plädiere immer dafür, gerade als Frau mehr Verantwortung, Entscheidungsfreiheit und letztendlich auch Macht einzufordern. Nicht lange zögern und überlegen, sondern einfach machen ist hier mein Rat an meine weiblichen Kollegen.

 

„Das soziale Sicherheitsnetz fällt weg.“

 

Du hast eben schon das ideale Anforderungsprofil von Gründern angesprochen. Fallen dir noch weitere Eigenschaften ein, die ein Gründer mitbringen muss?

Das Wichtigste ist, dass man von der Geschäftsidee, dem Business-Modell und dem Produkt komplett überzeugt ist. Gründer begeben sich aus dem sozialen Sicherheitsnetz und sind komplett für sich selber und gegebenenfalls ein komplettes Team verantwortlich. Das ist erst einmal ein Sprung über die Klippe, den man machen muss. Aber wenn man diesen geschafft hat, lohnt es sich. Das kann ich aus eigener Erfahrung berichten.

 

Es sind jedoch nicht alle Startups von Anfang an erfolgreich und viele scheitern innerhalb der ersten Jahre. Wer hat deiner Meinung nach weniger Durchhaltevermögen bzw. gibt bei Rückschlägen schneller auf? Männer oder Frauen? Kann man da überhaupt unterscheiden?

Das kann man nicht unterscheiden. Die Gründe warum Startups scheitern können ganz unterschiedlich sein. Produkt, Timing, Finanzierung, Team und vieles mehr. Dabei ist das Geschlecht des Gründers oder der Gründer unerheblich. Wichtig ist, dass man nicht gleich aufgibt, aus Fehlern lernt, wieder aufsteht und weitermacht. Das ist keine Gender-Frage, sondern eine persönliche Eigenschaft.

 

Welche Hemmungen und Herausforderungen stehen einer Gründung bei Frauen im Weg? Gibt es diesbezüglich Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Nein, aber es gibt andere Herausforderungen bei Gründungen – insbesondere in Deutschland. Wenn man anfängt, sein eigenes Unternehmen zu gründen, muss man sich nicht nur mit den Themen Finanzierung, Investoren, Business Angels, GmbH-Gründung, Steuerrecht und Personalwesen beschäftigen. Die Bürokratie in Deutschland ist zudem auch sehr komplex und lähmt viele Gründer und Unternehmen. Hier geht oft wertvolle Zeit in der Gründungsphase verloren. Davon darf man sich aber nicht irritieren lassen. Als Gründer muss man sich von Anfang an sehr fokussiert auf das Geschäftsmodell und die Marktpositionierung konzentrieren, um schnellstmöglich Umsätze zu erwirtschaften und das Unternehmen zu sichern. Da hat man schlichtweg keine Zeit sich mit starren bürokratischen Hürden zu beschäftigen.

 

„Familienplanung und Startup
sind sehr kompatibel.“

 

Bei Frauen wurde festgestellt, dass auch die Familienplanung des Öfteren im Wege steht. Teilst du diese Meinung?

Nein, gar nicht. Letztendlich ist die Familienplanung und Startup miteinander sehr kompatibel. Als Selbständiger kann man sich die Zeit besser einteilen und flexibler arbeiten, so dass man sich schneller an neue Lebenssituationen anpassen kann. Ganz im Gegenteil das Angestelltenverhältnis. Frauen treffen häufig auf wenig Verständnis, wenn notwendige private Verantwortlichkeiten in den Alltag integriert werden. Insofern rate ich Frauen insbesondere unter Berücksichtigung der Familienplanung sich selbständig zu machen. Die Vorteile überwiegen.

 

Denkst du, dass die Frauen im Moment weniger zum gründen motiviert oder aufgerufen werden als Männer?

Nein. Insbesondere in der Digital- und Technologie Branche werden Frauen aktiv motiviert zu gründen. Das begrüße ich sehr. Nun liegt es an den Frauen zu folgen.

 

Welche Motivationsfaktoren stehen deiner Meinung nach für Männer im Vordergrund zu gründen und welche für Frauen?

Das ist für mich auch keine Geschlechterfrage, sondern eine Persönlichkeits-Frage.
Warum wird gegründet? Damit man selbstbestimmt, eigenverantwortlich und unabhängig agieren kann. Und weil man die richtige Idee mit dem richtigen Geschäftsmodell zur richtigen Markteinstiegszeit hat. Dann ist die einzige Frage, ob eine Gründung Erfolg hat oder nicht, ob der Schritt in die Selbständigkeit gewagt wird. Ideen haben viele, aber nur wenige ziehen es auch durch. Dabei ist es egal, ob wir über Männer oder Frauen sprechen. Die Begeisterung, Mut und Durchhaltewille der Person führen zum Erfolg einer Gründung.

 

Besteht deiner Meinung nach ein gutes Gründerteam aus mehren Geschlechtern, oder aus nur einem Geschlecht? Und wenn ja, warum?

Das Team muss sich fachlich sehr gut ergänzen. Bei orbyd sind wir drei Gründer, zwei Männer und eine Frau. Wir ergänzen uns in den Bereichen Vertrieb, Marketing, Produkt aber auch bei der kaufmännischen und technischen Umsetzung hervorragend. Es hätten aber auch drei Frauen oder drei Männer oder zwei Frauen und ein Mann sein können. Letzendlich zählt das Skillset des Teams, um erfolgreich zu gründen.
Bei uns im Team werden die Bereiche Account Management von einem Mann geleitet und nicht von mir, was man vielleicht denken würde. Bei mir liegen die Themen der Geschäftsführung, strategische Themen, Richtungsweise des Unternehmens, Verhandlungen und Sales. Vielleicht ist das etwas untypisch, aber es entspricht unseren Fähigkeiten.

 

„Deutschland braucht mehr
erfolgreiche Gründerinnen als Vorbilder!“

 

Denkst du, dass es in Amerika und in anderen europäischen Ländern mehr Gründerinnen gibt als in Deutschland?

Ja, definitiv! Gerade in den USA gibt es deutlich mehr erfolgreiche Gründerinnen, weil es auch eine kulturelle Frage ist. Gerade in den Staaten versucht man viel „Trial and Error“. Da ist es gar nicht so schlimm, wenn man erst einmal „failed“ und dann gewisse Misserfolge erlebt – man steht halt wieder auf.
Grundsätzlich haben meiner Meinung nach Frauen in den USA (noch) bessere Chancen. Dort ist es völlig normal, dass eine Frau genauso einen wertvollen Beitrag zum Unternehmen leistet wie ein Mann – sei es im Startup oder im Angestelltenverhältnis. Es wird nicht mehr nur darüber diskutiert sondern einfach gemacht und gelebt. Deshalb haben Frauen in den USA einen ganz entscheidenden Vorsprung – sie können bereits signifikante Erfolge nachweisen. Hierzulande sind wir noch ganz am Anfang. In Deutschland fehlen noch die weiblichen Vorbilder. Meine persönlichen kommen alle aus den USA. Es ist aber wichtig Leitbilder zu haben. Sobald wir die ersten Vorzeigefrauen in Deutschland haben, können sich andere Frauen auch vor Ort an ihnen orientieren. Das macht mutiger und stärker.

 

Wie können Frauen in Bezug auf Gründungen gefördert werden?

Ich bin kein Freund davon, sich in eine Sonderrolle zu begeben. Nach dem Motto: „Ich als Frau muss jetzt speziell gefördert werden“. Am Ende des Tages kommt es darauf an, welche Leistung man erbringt und ob man erfolgreich ist.
Wenn man sich darauf verlässt, dass externe Faktoren wie z.B. die aktuelle politische Diskussion zur Frauenquote die Karriere positiv beeinflussen, tut man weder den männlichen Kollegen noch sich selbst einen Gefallen. Alles was zählen sollte ist die Leistung und nicht das Geschlecht.

 

 

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Flora

Bloggerin & Media Managerin

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Ein Kommentar

  1. Anna Anna

    Ein tolles Interview

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